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Bericht von Tom

Betroffen



Als ich abhängig wurde, war ich noch sehr jung, habe über Abhängigkeit nicht nachgedacht, dies "Bewusstlose" hat wohl einen großen Teil meiner Gefährdung ausgemacht. Im Nachhinein kann ich sagen, dass ich froh gewesen wäre, hätte ich ehrliche, klare Rückmeldungen von anderen Menschen bekommen, was meinen Umgang mit Suchtmitteln betrifft. Leider gab es nur wenige Reaktionen. Ich schaffte mir aber auch recht zügig lästige Menschen wie Partnerin oder Arbeitgeber "vom Hals", d.h. ich war meist Single (inzwischen bin ich verheiratet) und arbeitslos, oder doch nur "Bummelstudent", u.ä. Ursachen für meine Sucht gab es wahrscheinlich viele, ich denke, da gibt es nie nur eine! Eine emotionale Vernachlässigung durch das Elternhaus mag mitgespielt haben (ich mache hierbei meinen Eltern keine Vorwürfe und schiebe keine "Schuld" ab; sie sind nun beide verstorben: ich habe seit einiger Zeit meinen inneren Frieden mit beiden gemacht) Soziale Ängste haben ganz sicher eine große Rolle gespielt (Angst vor Menschen, Gruppen, Angst frei zu reden, u.ä.) Das ist übrigens heute VÖLLIG anders. Ich brauche keinen Alkohol mehr, um mit anderen Menschen zurecht zu kommen. Meinen ersten Kontakt zu Suchtmitteln hatte ich mit "Ende 15", "Schluss" war zwischen 30 und 32. Dazwischen wurde ich... irgendwann.... abhängig. Mein Suchtmittelkonsum hat sich eher langsam vermehrt, bzw. er wurde für mich sozusagen unmerkbar häufiger. Ich habe aber damals sehr viel konsumiert. Ich war Polytoxikomane (Mehrfachabhängig). Ich habe viel experimentiert. Nach wenigen Jahren war ich nur noch selten ohne Einfluss zumindest irgendeiner Substanz. Ich kannte Haschisch, verschiedene Medikamente, hatte einige wenige Kontakte zu LSD und sogar Heroin. In späteren Jahren konzentrierte es sich auf rezeptfreie Schlafmittel, Tranquilizer (wie Valium) und eben Alkohol. Eine nicht untypische Dosis für einen normalen Wochentag (nach langem Ausschlafen): sechs Halbliterflaschen Bier, ein Minifläschen Schnaps, eine "Halbmond" (Schlafmittel) mit der letzten Flasche runtergespült. Das reichte zur Not. Ging aber nur wenn ich allein war und keinen Stress hatte. Ging ich z.B. am Wochenende unter Leute wurde es mehr (Kontrollverlust) und es kam evtl. auch mal anderes dazu (Wein, Valium, Haschisch - dies aber zunehmend seltener). Gar nicht mal "so wild" möchte man evtl. meinen, aber ansonsten hatte ich nur noch wenige Interessen und Kontakte. Ich habe damals nie über viel Geld verfügt, sodass ich mir später öfter mal billigere Sachen (Sarabande und "Treppenschmeißer" = 2 Liter - Flaschen billigen Wein, den habe ich dann oft gezuckert), kaufen musste, aus Kostengründen. Erst spät habe ich erkannt dass ich abhängig bin. Es ist schwierig sich das einzugestehen. Mit ca. 25 erhielt ich einen "Warnschuß" (Zwangseinweisung in Entgiftung) - keine echte Reaktion von mir. Mit ca. 29 hatte ich ein Delirium - noch immer begriff ich nicht. Erst mit ca. 30 machte ich einen derartigen Blödsinn, das ich Angst bekam und mich auf den Weg in die zufriedene Abstinenz machte. Es hat demnach also nach dem ersten Suchtmittelkontakt 10 Jahre, nach dem ersten "Warnschuss" noch ca. 5 Jahre gedauert, bis ich Hilfe gesucht habe. Ich habe deshalb Hilfe gesucht, weil ich Angst den Verstand zu verlieren und Angst andere Menschen ernsthaft durch meine Handlungen zu gefährden hatte. Hilfe bekam ich dann bei einer Selbsthilfegruppe (BLAUES KREUZ, Marl -Danke, Freunde!) in der qualifizierten Entgiftung in Herten, in der Entwöhnung in Fredeburg (Herr Prof. Wernado, Herr Dr. Klein: Ihnen beiden Dank !). In anderen Selbsthilfegruppen (z.B. Freiwillige Suchtkrankenhilfe Ludwigshafen, BLAUES KREUZ HASSLOCH, etc.). Auch Psychotherapie nahm ich in Anspruch. Die Therapie war nicht einfach. Schwierigkeiten bereitete mir zum Beispiel endlich mal die Klappe zu halten, zu begreifen, dass es um MICH geht, nicht um die Gesellschaft, irgend jemand anderes, nüchtern mit anderen Menschen zu reden und zu meinen eigenen Gefühlen zu stehen. Eine Sucht kann man auch trotz Therapie nie im üblichen Sinne "im Griff" haben. Entweder man nimmt Suchtmittel oder man tut es nicht. Ein kontrollierter Genuss bleibt für Süchtige lebenslang unmöglich! Von der ersten Erkenntnis meiner Sucht bis zu einer Stabilität hat es bei mir etwa 2 Jahre gedauert. Aber danach war der Wiedereinstieg in mein "normales" Leben gar nicht so schwer. Es gab viel Verständnis, ich entdeckte auch meine eigene Leistungsfähigkeit wieder (wobei Leistung allein nicht das Entscheidende im Leben ist) und entwickelte verschiedene -teils neue- Interessen, das war positiv. Jetzt lebe ich seit ca. 14 Jahren durchgehend zufrieden abstinent und ohne Schlaf-, Beruhigungs- und Aufputschmittel (exklusiv 2 Tassen schwachen Kaffees morgens). Aber dennoch gibt es natürlich Folgen meiner ehemaligen Sucht, die ich seitdem zum Stillstand gebracht habe. Ich habe mich damals sozial, medizinisch und insbesondere emotional stark geschädigt und meine persönliche Entwicklung zum Stillstand gebracht. Meine Umwelt: die habe ich zumindest wohl oft und stark "genervt"; Menschen die mir näher standen habe ich wohl auch bekümmert und traurig gemacht, wenn nicht Schlimmeres. Klar muss ich natürlich sagen, dass die Möglichkeit, dass ich wieder in eine Sucht zurückfalle bis an mein Lebensende besteht. Wenn ich das vergesse, bin ich schon wieder halb auf dem Weg nach unten! Ich rechne andererseits nicht mit einem Rückfall: der Kampf ist vorbei- ich habe verloren: nun ist es Zeit zu leben. Ich wüsste nicht warum ich trinken oder Pillen einwerfen sollte. Generell muss ich sagen, dass es meiner Meinung nach keine Suchtpersönlichkeit gibt. Es gibt Gruppen die etwas gefährdeter sind, aber JEDE/R kann süchtig werden, besonders wenn nicht früh genug gegen eine mögliche Sucht angekämpft wird. So früh wie irgend möglich. Letztlich schon nach der Befruchtung: die werdende Mutter sollte keinen Alkohol trinken, das Baby braucht genug ehrliche Liebe, usw. Abgesehen davon finde ich, dass unsere Jugend zuviel trinkt. Sie hat trinken nicht nötig. Menschen sind stark genug, ohne Alkohol das Leben zu meistern. Die Jugend ist nicht unfähiger als die früherer Zeiten und die Zeiten: die waren auch früher schon mal schlecht (vielleicht noch schlechter als heute): also- kein Grund zu trinken. Was ich schlimm finde sind diese Alcopops. Da werden Grenzen verwischt, die klar erkennbar bleiben müssen (Genuss, Sport, Entspannung, Alkohol), diese Getränken gehören gesetzlich verboten! Abschließend bleibt zu sagen, dass ich auf absolut der Meinung bin, dass sich unsere Gesellschaft doppelmoralisch zum Thema Alkohol verhält. Die Leistungsgesellschaft baut auf ähnlichen Prinzipien auf wie die Sucht, verurteilt diese aber. Weiterhin darf und soll jeder Alkohol trinken, Alkoholismus ist jedoch nach wie vor eher etwas Peinliches (nicht mehr überall ist es so- glücklicherweise). Abschließend möchte ich sagen, dass bei mindestens 5 - 10 % der Alkoholabhängigen in der Bevölkerung (und deren Angehörigen) die Regierung in Hinsicht auf das Thema Sucht zu wenig aufmerksam ist und sich zuwenig darum kümmert.